1933 - 1946

Die Deutsche Vereinigung für Krüppelfürsorge während der NS-Diktatur

Foto Bruno Valentin, 1885–1969

Nach Hitlers Machtergreifung wurden die Deutsche Vereinigung für Krüppelfürsorge und die Deutsche Orthopädische Gesellschaft in der Reichsarbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung des Krüppeltums „gleichgeschaltet“. Der nationalsozialistische Rassenwahn machte auch vor den medizinischen Fachgesellschaften nicht halt:  Jüdische Ärzte verloren ihre Approbation und wurden aus ihren Positionen verdrängt, wie beispielsweise Prof. Bruno Valentin, Vorstandsmitglied der Deutschen Vereinigung und der Orthopädischen Gesellschaft, der 1938 aus Deutschland floh.

Am 1. Januar 1934 trat das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses in Kraft, das die Sterilisierung vermeintlich erbkranker Personen legitimierte. Zwischen den verschiedenen Behindertengruppen wurde nach dem Kriterium der Brauchbarkeit selektiert. Angesichts des Postulats einer produktiven Krüppelfürsorge beschränkte sich die Deutsche Vereinigung mit allen Konsequenzen auf eine Fürsorge körperbehinderter Menschen, die nur vermeintlich „wertvolle“, d. h. der Volksgemeinschaft dienliche, erwerbs- und leistungsfähige Elemente akzeptierte. Für die als „minderwertig“ diffamierten geistig Behinderten, psychisch Kranken und Schwerstmehrfachbehinderten sollte die Polarisierung in „wertvolles“ und „unwertes“ Leben fatale Folgen haben. Tausende von Menschen fielen dem sog. „Euthanasie“-Programm zum Opfer. Keine der sozial-medizinisch engagierten Gesellschaften ist daher aus heutiger Sicht von politischen Verflechtungen oder ideologischen Einflüssen während des „Dritten Reiches“ freizusprechen, wenngleich es innerhalb der Deutschen Vereinigung insbesondere aus den Reihen der kirchlichen Vertreter warnende Stimmen gab.

Foto Prälat Peter Josef Briefs, 1890–1960

Erst wenn wir in den Köpfen unserer Volksgenossen die Ansicht entfernt haben, daß der Gebrechliche ein minderwertiges Wesen sei, dürfte es nicht mehr vorkommen, daß man die Gebrechlichen nach einem viel strengeren und härteren Maßstabe mißt, als die Gesunden, nur dann brauchen die Gebrechlichen nicht mehr zu fürchten, daß man sie als eine Art Freiwild, als willkommenes Objekt sogenannter eugenischer Maßnahmen ansieht, denen man jetzt von der Pflicht der Sterilisierung und fast in demselben Atemzug – wie Mann es in geradezu brutaler Weise machte – auch von der Pflicht der Euthanasie, der Pflicht des Selbstmordes zu sprechen wagt.

Foto Georg Hohmann, 1880–1970

(Peter Josef Briefs. Aussprache zu dem Vortrag von Hans Harmsen: Die eugenetische Forderung des Preußischen Staatsrates in ihrer Bedeutung für die Krüppelfürsorge. Zeitschrift für Krüppelfürsorge 1932; 25 (11/12), S. 241-242, hier: S. 242).


Im Oktober 1942 fand kriegsbedingt die letzte Vorstandssitzung der Deutschen Vereinigung statt. Der Vorstand unter Prof. Georg Hohmann sollte kommissarisch jedoch solange im Amt bleiben, bis wieder eine Mitgliederversammlung möglich sein würde.

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