Geschichte der DVfR

Historischer Abriss

Von der „Krüppelfürsorge“ zur Rehabilitation

In Anwesenheit von etwa 90 Ärzten, Geistlichen, Pädagogen sowie Vertretern aus Verwaltung und Politik wurde am 14. April 1909 im großen Saal des preußischen Kultusministeriums in Berlin die heutige DVfR als Deutsche Vereinigung für Krüppelfürsorge gegründet.

Bild "Krüppelnot und Krüppelhilfe nach den Ergebnissen der Reichskrüppelzählung im Jahre 1906"

Als treibende Kraft erwies sich dabei insbesondere der Berliner Orthopäde Konrad Biesalski, der anhand einer 1906 durchgeführten „Krüppelzählung“ über Art und Umfang des „Krüppelelends“ die Notwendigkeit einer organisierten Fürsorge für die als „Krüppel“ bezeichneten Körperbehinderten aufzuzeigen versucht hatte. Primäres Ziel dieser „Krüppelfürsorge“ war die Erwerbsbefähigung der Betroffenen.

„…wenn man das in die Form eines zwar übertriebenen aber immerhin doch sofort einleuchtenden Schlagwortes kleiden will, er soll aus einem Almosenempfänger ein Steuerzahler werden.
(Konrad Biesalski. Was ist ein Krüppel? Zeitschrift für Krüppelfürsorge 1908/1909; 1 (1): 11-17, hier: S. 12).

Erreicht werden sollte dies mit Hilfe eines medizinische, pädagogische und berufsbildende Maßnahmen umfassenden Konzeptes, bei dem aus heutiger Sicht die Grundlagen der modernen Rehabilitation bereits in Ansätzen erkennbar waren.

Das organische und verständnisvolle Ineinanderarbeiten von Klinik, Schule und Handwerkslehre möglichst unter einem Dach ist das Wesen und ein Grundelement moderner Krüppelfürsorge… Dabei ist die Hineinbeziehung des sozialen Momentes in den Krankheitsbegriff die Handhabe für die ganz individuelle und freie Gestaltung der Fürsorge im einzelnen Falle …
(Konrad Biesalski. Elemente der Krüppelfürsorge. In: Deutsche Vereinigung für Krüppelfürsorge (Hrsg): Stenographischer Bericht über den 1. Deutschen Kongress für Krüppelfürsorge, 31. März 1910, Berlin. Hamburg und Leipzig: Leopold Voss, 1910: 24-29, hier: S. 27-28.)

Die Aufgaben der Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge, zu deren Vorsitzenden der preußische Ministerialrat Eduard Dietrich gewählt wurde, sollten darin bestehen, alle an der Krüppelfürsorge beteiligten Kräfte zu bündeln und zu koordinieren, Aufklärungsarbeit zu leisten und auf behördlicher Ebene um Unterstützung zu werben.

Das Interesse ist überall geweckt, nun gilt es, das Interesse auch wachzuhalten und immer wieder neu zu stärken. Das vorbereitende Komitee glaubt, daß dies am besten gelingt durch die Schaffung einer deutschen Vereinigung, die alle Faktoren der Krüppelfürsorge heranziehen und umfassen soll. Ihre Hauptaufgabe wird sein eine großzügige Propaganda durch Wort und Schrift, die Veranstaltung von Kongressen und Konferenzen, die Bearbeitung der Presse.
(Eduard Dietrich. Eröffnungsansprache zur konstituierenden Versammlung. Zeitschrift für Krüppelfürsorge 1909/1910; 2 (1): 5-9, hier: S. 7-8).

Waren es zunächst die geistlichen Körperschaften – insbesondere der Inneren Mission – gewesen, die sich der Betreuung behinderter Menschen annahmen und Pflege- und Heilanstalten errichteten, so sollte seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Entwicklung der Orthopädie zu einem eigenständigen medizinischen Fach den Entstehungsprozess der Krüppelfürsorge nachhaltig beeinflussen.

1. Die Entwicklung des medizinischen Sonderfaches der Krüppelfürsorge, der Orthopädie, (…). 2. Die Entwicklung der Krüppelheime, (…). 3. Die Entwicklung der Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge, die der Organisation und Förderung der Krüppelfürsorge dient und sich der Aufklärung und Fortbildung widmet. 4. Die Entwicklung der Gesetzgebung, die die notwendige Organisation schafft, für die rechtzeitige Erfassung Verkrüppelter und vom Krüppeltum Bedrohter sorgt, die Entkrüppelung veranlaßt und die Kosten regelt.
(Hellmut Eckhardt. Die Entwicklung der Krüppelfürsorge in Deutschland. Zeitschrift für Krüppelfürsorge 1930; 23 (11/12): 385-396, hier: S. 385).

Vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts überstand die Deutsche Vereinigung wirtschaftliche Krisen, wurde Zeuge zweier Weltkriege, erlebte Teilung und Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

Begleitet von mehreren Namensänderungen, erweiterte die ursprünglich auf körperbehinderte Patienten fokussierte Organisation ihr Arbeitsgebiet auch auf die Belange von Menschen mit anderen Behinderungen sowie chronischen Erkrankungen. Mit der Entwicklung von der Krüppelfürsorge hin zur modernen Rehabilitation ging ein sich sukzessive vollziehender Paradigmenwechsel einher, den Betroffenen nicht mehr als hilfsbedürftigen Leistungsempfänger, sondern als selbst bestimmt Handelnden mit dem Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft zu betrachten.

In ihrer Funktion als bundesweit agierender Fachverband versteht sich die DVfR heute als interdisziplinäres Forum für die mit der Rehabilitation befassten Berufsgruppen, Institutionen und Verbände unter Einbeziehung der Betroffenen. Zu den vorrangigen Anliegen der DVfR zählt neben Qualitätssicherung und Förderung bedarfsgerechter Lösungen die Sensibilisierung unserer Gesellschaft für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen.

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